Erfahrungsbericht: Magen- und Darmspiegelung

Erfahrungsbericht: Magen- und Darmspiegelung



Fünf Jahre lang wurde ich schon von Magenschmerzen geplagt, bevor ich mich traute einen Spezialisten aufzusuchen. Meine vorherigen Hausärzte hatten das Ganze immer nur mit den Worten «Sie haben zu viel Stress!» und «Gönnen Sie sich etwas Ruhe!» abgetan.


Die Gastroenterologin versuchte mir nach unserem ersten Anamnesegespräch schonend, aber doch deutlich, beizubringen, dass ich mich wohl einer Magenspiegelung unterziehen muss, um auszuschließen, dass etwas Besorgniserregendes hinter meinen Beschwerden steckt. Zuerst wollte sie aber einige andere Tests durchführen, u.a. eine Blutuntersuchung und mehrere Atemtests auf Lebensmittelunverträglichkeiten (Laktose, Fructose und Sorbit). Aber weder die Blutuntersuchung noch die anderen durchgeführten Tests ließen einen Schluss auf die Ursache für meine anhaltenden Schmerzen im Oberbauch zu.


Zur Vorbereitung auf die Spiegelung musste ich einige Fragen beantworten, u.a. zu meiner derzeitigen Medikamenteneinnahme. Als sich in dieser Liste einige Schmerzmittel fanden, hakte die Ärztin nach und ich erzählte ihr, dass ich seit zweieinhalb Jahren unter den Schmerzen im Unterbauch litt. Ziemlich schnell wurde mir klar, dass ich mich jetzt wohl nicht mehr nur einer Magenspiegelung stellen musste, sondern mich auch mit dem Gedanken vertraut machen musste, dass auch der Darm von innen begutachtet wird.
Ich hatte damals sowohl bei meinen Eltern als auch bei meiner Großmutter mitbekommen, wie so eine Magen- und/oder Darmspiegelung aussehen kann. Alle drei versicherten mir, dass es weitaus Schlimmeres auf der Welt gibt. Trotzdem schafften sie es nicht mich damit zu beruhigen.
Die Ärztin war sich sicher, dass ich von der Untersuchung nichts mitbekommen würde, da ich die Möglichkeit hätte mich für die Dauer der Untersuchung schlafen legen zu lassen. Aber allein der Gedanke an eine Sedierung (Bei vollem Bewusstsein wollte ich das ganz sicher nicht machen!) löste bei mir Schweißausbrüche aus. Auch die möglichen Komplikationen bzw. Spätfolgen der Untersuchung, auf die die Ärztin mich hinweisen musste (dazu ist sie ja immerhin gesetzlich verpflichtet), geisterten mir ab diesem Zeitpunkt ununterbrochen im Kopf herum. Aber letztendlich ist es bei sowas ja immer so, dass man sowieso am Ende stirbt. Ich sah mich also schon gedanklich mit durchstoßenem Darm auf dem Sterbebett liegen. Trotz allem unterschrieb ich die Einverständniserklärung — wenn auch mit einer ganzen Woche Bedenkzeit.


Zwischen dem Vorgespräch und der letztlichen Untersuchung lagen einige Wochen.
In der ganzen Zeit vor der Untersuchung drehte das Gedankenkarussell Runde um Runde, aber als ich mich für die Spiegelung entschieden hatte, habe ich zu keiner Zeit mehr daran gedacht den Termin abzusagen. Zwischendurch kam sogar so etwas wie Freude auf — denn die Magenspiegelung war eine einmalige Situation, in der ich mich meiner Angst stellen konnte und ich sah es als eine Prüfung an, die testen sollte, wie erfolgreich Ich im Kampf gegen meine Angst mittlerweile war.
In schlimmen Momenten stellte ich mir den Moment vor, wenn ich aus der Sedierung aufwache und feststelle, dass ich alles überstanden habe. Die Vorstellung dieses unfassbar befreienden Gefühls, welches ich immer erlebte, wenn ich eine sonst mir angstmachende Situation hinter mich gebracht hatte, beruhigte mich.



Das Verfahren


Bei einer Magenspiegelung wird ein etwa fingerdicker Schlauch, das sog. Endoskop durch die Speiseröhre in den Magen eingeführt. Am Ende dieses Schlauchs befindet sich eine kleine Kamera, die genau abbilden kann, wie der Magen von innen aussieht bzw. ob, und wenn ja, welche Schäden zu erkennen sind (z.B. Schleimhautentzündung, Geschwür,…). Durch den Schlauch hat der Arzt auch die Möglichkeit Instrumente einzuführen, um Gewebeproben zu entnehmen. Diese werden im Anschluss an die Untersuchung feingeweblich auf mögliche Bakterien, Viren der sonstige Erkrankungen untersucht.


Die Darmspiegelung ist vom Prinzip ähnlich. Hier wird der Schlauch allerdings nicht durch den Mund, sondern durch den After eingeführt. Auch hier kommt eine Kamera zum Einsatz. Für eine bessere Sicht wird Kohlenstoffdioxid in dem Darm gepumpt, damit sich die einzelnen Windungen entfalten und jeder Zentimeter begutachtet werden kann. Gewebeproben werden ebenfalls entnommen und, wenn nötig, Polypen entfernt.

Von Ortenau Klinikum — Ortenau Klinikum, CC BY 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29 297 110



Die Vorbereitung


Fünf Tage vor der Spiegelung verzichtete ich auf Körnerprodukte, Nüsse und alles, was das Ergebnis der Spiegelung verfälschen könnte beziehungsweise die Sicht beeinträchtigen könnte. Es fiel mir schwerer als gedacht — zählten ausgerechnet diese Dinge doch zu meinen Hauptnahrungsmitteln.


Ich bin mir nicht sicher was genau ich vorher erwartete von der ganzen Abführ-Aktion, aber sicherheitshalber hielt ich mir die Tage vor der Spiegelung komplett frei. Außerdem sorgte ich dafür, dass mir während meiner «Darmreinigung» nicht langweilig werden würde. Insgesamt schaffte ich so also fast die gesamte erste Staffel Desperate Housewives.


Am Vortag war dann das Frühstück meine letzte Mahlzeit vor der Inspektion meines Verdauungstraktes. Am Nachmittag musste ich mir einen Beutel Pulver mit Wasser anrühren, welches abführend wirkt (in meinem Fall war das PICOPREP, bei dem ich geschmacklich überhaupt nichts beanstanden kann). Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass der Darm komplett leer und vollständig gereinigt ist. Im Anschluss an das Abführmittel musste ich alle 30 Minuten ein großes Glas stilles Wasser zu mir nehmen, bis ich insgesamt 2 l Wasser getrunken hatte. Alles, was kohlensäurehaltig, rot oder trüb ist, war tabu. Für mich gab es nur noch stilles Wasser und Kräutertee.
Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen war das Abführen nicht unbedingt angenehm, aber ohne Probleme auszuhalten. Es ist m.M.n. nicht vergleichbar mit einem Magen-Darm-Infekt, da Darmkrämpfe und Blähungen (zumindest bei mir) fehlten.


Am Morgen danach, gegen 5 Uhr, wiederholte sich das Spiel. Ein zweiter Beutel Abführmittel und 2 l stilles Wasser. Mit dieser ganzen Vorbereitung musste ich 2 Stunden vor der Spiegelung fertig sein, damit weder Magen noch Darm Wasser oder andere Speisereste enthalten. War die ganze Trinkerei am Tag zuvor noch überhaupt kein Problem, hatte ich jetzt ordentlich damit zu kämpfen jedes neue Glas Wasser runter zu bekommen. Langsam setzten auch das Zittern und der Schwindel ein (vielen Dank an den niedrigen Blutzuckerspiegel…), aber angesichts der Tatsache, dass ich so lange nichts Richtiges gegessen hatte, überraschte mich das herzlich wenig.






Der Untersuchungstag


Im Vorgespräch wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, dass ich am Tag der Spiegelung weder Bonbons noch Kaugummi zu mir nehmen darf. Der dadurch angeregte Speichelfluss und die damit unerwünschte Flüssigkeit im Magen würde die Sicht behindern. Keine Frage, dass ich das nicht riskieren wollte… also hielt ich mich daran.


10.45 Uhr sollte es dann soweit sein. Kurz vor der Untersuchung, als ich noch im Wartezimmer Platz genommen hatte, musste ich noch etwas trinken, das mir als «Schnaps» angepriesen wurde. Der genaue Sinn dieser Flüssigkeit wurde mir nicht erklärt, aber es wird schon seinen Grund haben, warum ich das Zeug trinken sollte.


Kurze Zeit später wurde ich aufgerufen und in den Raum gebracht, wo die Spiegelung stattfinden sollte. In der Mitte befand sich eine große Liege, die mich ehrlich gesagt eher an einen Gynäkologenstuhl erinnerte, und drumherum standen unzählige medizinische Geräte. Innerhalb der ersten paar Sekunden, nachdem ich den Raum betreten hatte, richtete sich meine Aufmerksamkeit auf den großen Bildschirm, der neben der Liege stand. Ich wusste, dass in wenigen Minuten mein Inneres, genauer gesagt mein Magen und mein Darm, in voller Größe darauf abgebildet sein werden. Zu meiner großen Verwunderung musste ich mich nicht umziehen. Ich hatte im Vorhinein von vielen Leuten gehört, dass man für die Darmspiegelung so eine Unterhose anziehen müsste, die hinten offen war. Ich hatte kurz Bedenken, dass man eventuell annahm, dass ich nur für eine Magenspiegelung gekommen war. Man versicherte mir aber, dass alles richtig sei und ich mich auch für die Darmspiegelung nicht umzuziehen bräuchte.


Irgendwie kam ich mir blöd vor wie ich da zitternd vor Angst auf der Untersuchungsliege lag. Aber ich muss zugeben, dass es mich etwas beruhigte, dass selbst gestandene Muskelpakete Angst vor dieser Untersuchung hatten — das ließ mich nicht ganz so wie ein Angsthase erscheinen.
Die zwei Arzthelferinnen, die sich während der ganzen Zeit um mich kümmerten, versuchten so gut sie konnten mir die Angst zu nehmen, was ihnen ehrlich gesagt eher weniger gelang. Trotzdem war ich froh, dass sie mich und meine Sorgen ernst nahmen.
Ich sollte mich auf die linke Seite drehen und man erklärte mir, dass zuerst der Magen gespiegelt werden würde — anschließend erst der Darm. Während mir gerade in meiner linken Armbeuge der Zugang gelegt wurde, spazierte der Arzt herein — ein mir bis zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekanntes Gesicht. Eigentlich erwartete ich die Ärztin, die mit mir auch das Vorgespräch geführt hatte. Sie versicherte mir damals, dass sie persönlich die Untersuchung durchführen würde.
Vielleicht hätte ich in dieser Situation etwas sagen sollen, aber für so etwas bin ich wahrscheinlich zu höflich. Ich wollte die Kompetenz des Arztes nicht anzweifeln und eigentlich erschien er mir ja auch ganz nett. Er machte sogar auch ein paar Witze — über die ich angesichts meiner angespannten Situation allerdings eher weniger lachen konnte. Ich gab ihm nur noch mit auf den Weg, dass er bitte schöne Bilder von meinem Inneren machen sollte.


Ich bekam ein Stück Plastik in den Mund, das sowohl meine Zähne vor dem Endoskop als auch das Endoskop vor meinen Zähnen schützen sollte. Ich glaube ich sah in dieser Situation ein bisschen aus wie ein Boxer… Dann ging alles ziemlich schnell. Er setzte die Spritze an, die fast aussah als wäre sie mit Milch gefüllt und nicht mit Propofol, und wünschte mir schöne Träume. Innerhalb weniger Sekunden spürte ich wie mein linker Arm ganz kalt wurde und mein Gesicht plötzlich zu kribbeln begann. Bevor ich darüber allerdings näher nachdenken konnte, wurde alles schwarz.


Irgendwann wache ich auf — zugedeckt mit meiner eigenen Jacke und meiner Handtasche neben mir. Schlagartig reiße ich die Augen auf und habe keinen Schimmer wo ich bin. Ich schaue auf mein Handy und stelle fest, dass ich etwa 30 Minuten lang weg gewesen sein muss. Ich liege in einem kleinen Raum und höre Stimmen von anderen Patienten und den zwei Arzthelferinnen. Und ich höre ein Piepsen. Diese Art von Piepsen, die einem signalisiert, dass man noch am Leben ist. Doch irgendwann verändert sich das Piepsen des EKG Gerätes und wurde zu einem langen andauernden Ton. Kurz habe ich Angst, dass ich gerade gestorben bin. Ich muss aber ziemlich schnell feststellen, dass dem nicht so ist, als eine der Arzthelferinnen den Raum betritt und mich fragt wie es mir geht. Sie entfernt den Zugang aus meinem Arm und bringt mich in einen anderen Raum. Ich sollte erst mal frühstücken.
Alleine und aufrecht gehen kann ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wieder. Alles dreht sich und sieht für mich aus wie überbelichtet. Das legt sich allerdings innerhalb von ein paar Minuten wieder.
Ich habe keinerlei Schmerzen und frage mich, ob die Untersuchung überhaupt stattgefunden hat. Alles fühlt sich an wie vorher. Keine Schmerzen, keine Blähungen, keine Übelkeit.
Kurz darauf wird mir auch schon der schriftliche Bericht vorgelegt — inklusive Bilder meines 20-jährigen und völlig gesunden Darms. Auf Aufnahmen meines Magens hatte der Arzt scheinbar verzichtet, was mich zwar etwas ärgert, mir aber angesichts der Tatsache, dass ich alles unbeschadet überstanden habe, nicht mehr wirklich etwas ausmacht.
Im Bericht steht, dass Magen und Darm vollkommen unauffällig sind. Lediglich die Gewebeproben würden jetzt noch untersucht.

Update: Die histologischen Befunde sind mittlerweile da. Es besteht am Übergang zwischen Speiseröhre und Magen eine chronische Entzündung, alle anderen Proben waren unauffällig.




Würde ich es wieder tun?


Die Spiegelung ist jetzt etwa ein halbes Jahr her und auf diese Frage kann ich ganz klar mit JA antworten. Auch wenn ich vor der Untersuchung zwischenzeitlich wahnsinnige Angst hatte stellte sich das Ganze als relativ harmlos raus. Keine Schmerzen und auch sonst keine weiteren Einschränkungen (abgesehen davon, dass ich nach der Sedierung 24h nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen durfte und abgeholt werden musste). Ich bin froh die Untersuchung gemacht zu haben, auch wenn sie zu keinem Ergebnis geführt und somit keine Erklärung für meine Schmerzen geliefert hat. Genau das müsste mich ja eigentlich am meisten freuen: Ich bin «gesund».
Aber das tut es nicht. Am meisten freue ich mich darüber, dass ich die Untersuchung überhaupt gemacht habe und meine Angst überwunden habe. Ein etwas ungutes Gefühl bleibt allerdings: Ich weiß, dass ich während der Spiegelung immer mal wieder wach gewesen bin, das hat mir der Arzt bestätigt. Ich kann mich allerdings an nichts davon erinnern. Es ist seltsam, wenn man sich an volle 30 Minuten seines Lebens nicht mehr erinnern kann. Theoretisch hätte man in diesen Minuten ja alles Mögliche mit mir anstellen können.
Aber ich habe es überstanden — und darum geht es.




1 Kommentare zu “Erfahrungsbericht: Magen- und Darmspiegelung”

  • Danke für die ausführliche Schilderung einer Darmspiegelung aus persönlicher Erfahrung. Ich sollte das ja auch mal machen lassen. Wahrscheinlich geht es vielen Bürgern so. Zumindest finde ich diesen Gedanken beruhigend.

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