Überlebst du noch oder lebst du schon?

Überlebst du noch oder lebst du schon?



Ja, ich gebe zu, dass eine Werbung mich zu diesem Artikel inspiriert hat. Genauer gesagt ein Werbeslogan:

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Vor einigen Jahren brachte IKEA damit einen ziemlich einprägsamen Satz ins Fernsehen — und in meinen Kopf.


Selten hat eine Umformulierung dieses Slogans so gut gepasst wie jetzt.

Denn ich habe seit längerer Zeit das Gefühl, dass ich nicht lebe.

Nicht im Sinne des Cotard-Syndroms à la «Ich bin eigentlich tot und existiere gar nicht»… Es ist eher der Gedanke, dass ich jeden Tag überlebe. Dass ich die vielen wunderschönen Seiten des Lebens gar nicht wahrnehme, sondern mich starr darauf konzentriere, den Tag nur irgendwie hinter mich zu bringen. Nur, um am Morgen darauf mit dem selben, seltsamen Gefühl aufzuwachen.
Es passiert so viel um mich herum — um es mit den Worten eines sehr klugen Menschen aus einem meiner Lieblingsfilme zu sagen: «Es ist niemals gar nichts los… Sowas wie gewöhnliche Augenblicke gibt es nicht!»
Aber genau diese Augenblicke ziehen einfach an mir vorbei, ich beachte sie nicht. Das einzige, was ich wahrnehme, sind die Dinge, die in mir selbst vor sich gehen — Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Schmerzen. Die Summe ist so gewaltig, dass für alles andere keine Kapazitäten bleiben.

Das alles sind Gedanken, die wahrscheinlich nicht nur Schmerzpatienten kennen. Der ein oder andere, der mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen zu kämpfen hat, wird wissen, wovon ich hier spreche.

Ich bin mir nicht sicher, wann genau ich von «Leben» auf «Überleben» umgeschaltet habe. Ich glaube nicht, dass es wie beim Umlegen eines Schalters von der einen auf die andere Sekunde passiert ist. Wahrscheinlich war und ist es eher ein schleichender Prozess, der irgendwann innerhalb der letzten zwei Jahre begonnen haben muss. Die Schmerzen waren schon einige Zeit vorhanden, da bin ich mir sicher. Vermutlich war ich an einem Punkt, an dem ich innerlich damit begonnen hatte zu akzeptieren, dass es für mich keine Heilung geben wird und dass ich den Rest meines Lebens mit diesen Schmerzen werde leben müssen. An dem ich die Hoffnung auf Besserung aufgegeben habe und mir selbst und meinem Körper nicht zugetraut habe, dass ich es da wieder raus schaffe.

Aber es nimmt mir Lebensqualität. Ich verpasse Schönes um mich herum und was noch viel schlimmer ist: Durch die dauerhafte Fokussierung auf den Schmerz nimmt genau der in seiner Intensität noch zu. Ich erreiche also genau das Gegenteil von dem, was ich eigentlich möchte.

Ich versuche schon seit längerem, das Leben, so wie es für eine 21-jährige sein sollte, wiederzufinden. Ein Leben, was den Namen auch verdient. Und ich werde besser darin, je länger ich übe — Rückschläge inklusive.

Ein paar «Regeln» helfen mir dabei:

1. Ablenkung

Singe, schreibe, lese, male, laufe, koche, lerne, tanze, organisiere, putze, liebe, lache. Und wenn es nur ein Serienmarathon bei Netflix ist — tue irgendetwas. Beschäftige dich mit Dingen, die mit Schmerz nichts zu tun haben und versuche, dich so sehr auf diese eine Sache zu konzentrieren, die du da tust, dass du überhaupt keine Zeit hast, an deine Schmerzen zu denken. Gehe auch ruhig körperlich an deine Grenzen (Yoga, Spaziergänge etc.), aber bitte niemals (!) darüber hinaus! Wir wollen die Schmerzen nicht verschlimmern, sondern nur aus dem Fokus rücken.
Mir persönlich hilft die Arbeit dabei. Es funktioniert mal besser und mal schlechter, aber manchmal kann ich den größten Teil des Schmerzes vor der Tür lassen und erst bei Feierabend wieder mitnehmen. In der Zwischenzeit bin ich so auf meine Aufgaben konzentriert, dass ich nur selten an den Schmerz denken muss. Entscheidend ist dabei, zumindest für mich persönlich, die Umgebung, in der ich mich während besagter Tätigkeit befinde. Wenn ich zuhause, in meinem Zimmer, für mein Studium lernen will, klappt das nur in den seltensten Fällen. Mein Zuhause ist ein Ort, an dem der Schmerz für mich immer präsent ist, da ich mich vor allem dann dort aufhalte, wenn die Schmerzen groß sind. Und genau deswegen fällt es mir hier so schwer, mich auf das Lernen zu konzentrieren. Einfacher ist es an Orten, die ich nicht unmittelbar mit Schmerz in Verbindung bringe. Für mich ist das meistens die Uni-Bibliothek in der Nähe meines Arbeitsplatzes, da ich wirklich nur zum Lernen dort hingehe. Zuhause «erlaube» ich mir meine Schmerzen, in der Bibliothek nicht.


2. Soziale Kontakte

Ich weiß nicht, wie lange du schon mit Schmerzen kämpfst, wenn du diese Zeilen liest. Aber ich weiß, dass Schmerz auf Dauer einsam macht. Freunde wenden sich ab, wenn man immer öfter Verabredungen absagen muss, weil man sich nicht gut fühlt und häufig bleiben nur wenige Menschen übrig, die auch in solchen Situationen zu dir halten und dich unterstützen. Je einsamer du bist, desto größer ist die Chance, dass du viel Zeit zum Nachdenken hast — und diese nicht unbedingt nur für positive Gedanken nutzt.
Soziale Kontakte sind auch eine Art von Ablenkung, wie schon im ersten Punkt erwähnt, und können dir helfen, den Fokus vom Schmerz auf angenehmere Dinge zu lenken. Zusätzlich kann es helfen, wenn man mit Freunden oder Familie über sein Empfinden spricht — aber es sollte nicht zu viel Raum in euren Gesprächen einnehmen! Sprecht über angenehme Dinge wie eure Träume, Ziele oder gemeinsame Erinnerungen.


3. Tricksen und tarnen

Ganz nach dem Motto «Fake it 'til you make it!» — Wenn du dich verhälst, als wärst du gesund und munter, kann das zu einer Linderung von Schmerz beitragen. Die Menschen in deiner Umgebung merken nichts von deinen Beschwerden und behandeln dich dementsprechend auch nicht anders als andere. Genau das kann helfen, ein Stück Normalität zurückzugewinnen, die uns sonst so dringend fehlt.
Fakt ist: Es ist nicht immer einfach. Ich erinnere mich an meine erste Arbeitswoche, in der ich schwere Kisten in den Keller tragen musste. Zusammen mit einem Kollegen, der von nichts eine Ahnung hatte, was meine Gesundheit betrifft. Bei jeder Kiste, die ich hochnahm hatte ich Angst, dass es einmal knackt und ich mich nicht mehr bewegen kann. Diese Angst und die starken Muskelschmerzen zu verstecken und nicht im Gesicht durchscheinen zu lassen, war eine riesige Herausforderung. Aber bis heute hat mein Kollege keinen Schimmer, was mir während der Aufräumaktion durch den Kopf ging! Und ich erinnere mich gerne an das Gefühl von Stolz, was mich das ganze Wochenende danach begleitet hat. Ich hatte es geschafft, eine ganz «normale» Tätigkeit hinter mich zu bringen — und niemand hat etwas gemerkt.


4. Pausen

Bei dem ganzen Gerede von «machen», «tun» und «leisten»: Verdränge deinen Gesundheitszustand nicht komplett aus deinem Blickfeld und denke an Erholung. Zwischen all den Yoga-Stunden, Abenden mit Freunden und Keller-Aufräumaktionen musst du deinem Körper auch Pausen gönnen. Die verdient er sich nämlich auch! Schlafe genug (wenn du Schlafprobleme hast bitte hier entlang), wechsel so oft es geht zwischen Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen und bleibe im Rahmen deiner Möglichkeiten. Achte auf das, was dein Körper dir mitzuteilen versucht und gib nach, wenn es nicht mehr weiter geht.
Vielleicht misst du dich oft an deinen früheren Leistungen bzw. deinem früheren Lebensstil und bist enttäuscht, wenn du merkst, dass du Dinge, die du jahrelang mit Leichtigkeit hinter dich gebracht hast, heute nicht mehr bewältigen kannst. Vielleicht hast du früher jeden Tag im Fitnesstudio Gewichte gestemmt und definierst diese Leistung als Stärke. Aber bedenke bitte, was du jetzt jeden Tag durchmachst! Wie viel Kraft du jeden einzelnen Tag aufbringst, um durchzuhalten. Das ist wahre Stärke!


5. Ziele setzen

Damit meine ich nicht nur «Schmerzfrei werden», auch wenn das sicherlich ein Ziel ist, was auf die meisten Schmerzpatienten zutreffen dürfte. Ich spreche hier einerseits von kleineren Zielen im Sinne von «heute abend ins Kino gehen», aber auch von größeren wie z.B. «Masterstudium beenden» oder «in eine eigene Wohnung ziehen». Es ist wichtig, dass du ein Ziel vor Augen hast, auf das du hinarbeiten kannst. Etwas, das deinem Leben einen besonderen Sinn gibt und auf das du unheimlich stolz sein wirst, wenn du es erreichst. Kleine Anmerkung auch an dieser Stelle: Bleibe bitte realistisch, sonst ist die Gefahr groß, dass du enttäuscht wirst. Es wäre schwierig, den Mount Everest besteigen zu wollen, wenn du schon nach kurzen Gehstrecken völlig erschöpft bist. Trotzdem schreibe ich hier mit Absicht, dass es schwierig ist — aber nicht unmöglich 😉



Wie sieht es bei dir aus: Lebst du schon oder überlebst du noch?





1 Kommentare zu “Überlebst du noch oder lebst du schon?”

  • Hi,
    Ich wollte nur sagen das dies eine wirklich schöne Seite ist. Deine Beschreibungen zu den Problemen die mit einer Chronischen Krankheit kommen lesen sich sehr angenehm und authentisch. Ich bin über sie Seite gestolpert weil ich Erfahrungen zur Darmspiegelung gesucht habe. Deine Beschreibung dieses Aktes war der beste den ich im Internet gelesen habe und nimmt mir auch die Sorgen dieser Untersuchung. Danke dafür 🙂
    Da du anscheinend schon länger nichts mehr geschrieben hast hoffe ich das es dir mittlerweile besser geht. Nach meiner Erfahrung schreibt man um so mehr je schlechter es einem geht.
    Grüße aus Bremen
    Stefan

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