Die Löffel-Theorie


Christine Miserandino ist eine Autorin und Bloggerin, die an Lupus erkrankt ist. Bei einem Treffen mit ihrer besten Freundin hat sie die Löffel-Theorie («Spoon-Theory») aufgestellt, um zu erklären, wie es sich anfühlt, an einer chronischen Krankheit zu leiden.

Um ihrer Freundin ihre Krankheit zu verdeutlichen, griff sie nach allen Löffeln, die sie auf ihrem Tisch und auf einigen Nachbartischen in diesem Café finden konnte.

Der Unterschied zwischen einem kranken und einem gesunden Menschen bestünde darin, Entscheidungen zu treffen. Oder besser gesagt darin, sich bewusst über Dinge Gedanken machen zu müssen, während der Rest der Welt das nicht muss.
Die meisten Menschen starten den Tag mit einer Unmenge an Möglichkeiten und Energie um das zu tun, was sie gerade möchten, besonders junge Menschen. Für die meiste Zeit müssen sie sich über Folgen ihrer Entscheidungen keine großen Gedanken machen. Und um diesen Punkt verständlich zu machen, benutzte sie die Löffel. Sie wollte, dass ihre Freundin etwas Reelles in den Händen halten konnte, was sie ihr wegnehmen würde, da die meisten chronisch kranken Menschen den Verlust des «Lebens, wie sie es kannten» verspüren. Wenn sie ihr die Löffel wegnehmen würde, dann hätte sie eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, wenn jemand oder etwas wie der Lupus plötzlich die Kontrolle übernimmt.

Als gesunder Mensch geht man unbewusst davon aus, dass man einen unerschöpflichen Nachschub an «Löffeln» zur Verfügung hat. Aber wenn du nun deinen Tag planen würdest, dann müsstest du genau bescheid wissen, wie viele Löffel dir am Anfang zur Verfügung stehen.

Ihre Freundin zählte 12 Löffel.
Sie müsse sich nun immer bewusst sein, wie viele Löffel sie noch habe und sie dürfte auch keine fallen lassen, denn ab jetzt würde sie nie vergessen, dass sie Lupus hat.
Jede einzelne Aktivität kostet Löffel. Sie erklärte ihr, wie jede Aufgabe in kleinere Schritte zerlegt werden müsste und viele Details bedacht werden müssen. «Du ziehst dir nicht einfach etwas an, du hast Lupus und musst das gut durchdenken.»

Sie begann zu begreifen, dass sie theoretisch noch nicht einmal auf der Arbeit war und nur noch 6 Löffel übrig hatte. Christine erklärte ihr, dass es wichtig ist, den restlichen Tag bedacht zu planen, denn wenn die Löffel weg sind, sind sie weg. Manchmal kann man sich von dem morgigen Vorrat etwas «leihen», aber dann wird der nächste Tag umso schwieriger, wenn man den Verlust ausbalancieren muss.

«Wie schaffst du das nur? Machst du das wirklich jeden Tag durch?» Christine erzählte ihr, dass manche Tage leichter sind, an manchen geht alles etwas schwerer und an einigen Tagen habe sie mehr Löffel als an anderen. Aber sie kann diesen Umstand nie ungeschehen machen und sie kann den Lupus nie vergessen.

Es ist diese Lebensweise, die einen gesunden Menschen von einem Kranken unterscheidet. Es ist diese wunderbare Freiheit nicht nachzudenken, sondern einfach zu tun.

Zum Abschied schenkt Christine ihrer Freundin einen Löffel.
Symbol für Verständnis für kranke Menschen, denen man ihre Last oft nicht ansieht, die ihr Leben jedoch durchplanen müssen, um durchzuhalten. Für die abends etwas zu unternehmen oft purer Luxus ist.

Kannst du dir vorstellen, wie viele Löffel die Menschen jeden Tag verschwenden?
Als Patient einer chronischen Erkrankung hat man keinen Platz für verschwendete Zeit, oder verschwendete Löffel.

Wenn ihr mich fragt, ist die Löffel-Theorie von Christine unglaublich gut geeignet, das Leben eines chronisch kranken Menschen zu verdeutlichen.
Wenn mich heute jemand danach fragt, wie es ist, chronisch krank zu sein, erkläre ich es anhand dieser Theorie und fühle mich sofort ein bisschen besser verstanden.


Quelle: «The Spoon Theory» von Christine Miserandino: butyoudontlooksick.com, übersetzt von Lupus Austria